Texte über Stefan Zöllner / " BOXENSTOPP "
Schnecken dressieren
- Penetrieren und Perforieren -Der Umzug von Stefan Zöllners Kunst aus der Kölner Innenstadtwohnung in das neue Atelier, einen passender weise rundum gekachelten Raum, entpuppte sich als Grenzerfahrung für die gutwillige Helferin. Die Kunst die umziehen sollte, wollte nicht selber gehen - ekelig sich selbstbewusst blähende Schleimhaufen!- Wollte angefasst und getragen werden.
Zöllners Kunst ist renitent, störrisch und divenhaft ("Zwingen, Drängen, Fordern", 1999). Seine Schöpfungen kennen sich untereinander seit Jahrzehnten. Eine stetig anwachsende Familie, die sich ihre Gäste manchmal auch einverleibt: das große, unverdauliche Glas von Duchamp z. B. wird geschluckt und sogleich wird Duchamp selbst zum Kräftemessen zitiert ("4D-Schach gegen duchamp und matta", 2003).
Eine Horde blasierter Schnecken, die eigentlich nur aus glasierten Schneckenbackschälchen bestehen, diese Tatsache aber ignorieren, sind sich sicher, dass sie das Rennen gewinnen. Denn sie haben sich das Spiel ausgedacht, incl. Duchamp.
Hin und wieder gewinnt Zöllner die Oberhand auch selber, indem er sich mit Hilfe martialisch anmutender Hilfswerkzeuge ("Geräte für den Ernstfall", 1993), deren Hobby es ist, zu penetrieren ("Erotomaniacs", 2002) - womit sie dann auch gleich in der Familie aufgenommen sind - einen ordnenden Weg durch die wuchernden, gefräßigen Kunstsubjekte ("Flugzeugfressende Gärten", 2002) bahnt.
Manchmal auch, dass er sich, um bei Duchamp zu bleiben, diesen als ordnende Kunstgeschichtsinstanz herbeiruft. Kurz flackert die Möglichkeit einer Verbindung mit einer stützenden Begrifflichkeit auf, z.B. die der Kunstströmungen der Zeit der klassischen Moderne incl. Surrealismus, die jedoch in ihrer Manifesthaftigkeit nur ganz kurz verfängt, da Zöllners Welt zu dynamisch ist und nichts beweisen muss.
Um hier einzutreten, wird dem Außenstehenden manchmal -selten- eine Türe geöffnet, beispielsweise ein Nachtsichtgerät angeboten: Stefan Zöllner offeriert so die Möglichkeit einer bestimmten Perspektive. Es ist die Sicht auf die Bodenlosigkeit: 1999 in der Camera Obscura-Ausstellung stieß man in völliger Dunkelheit, die Infrarotbrille vor Augen, auf durch auf Spiegel auftreffendes Restlicht entstandene Löcher im Boden. Der Boden war da gar kein Boden (!) und man erschrak.
Perforation des Raumes ist das Thema. Perforation des Mediums auch, gerade weil jede Disziplin mit ihren jeweilig spezifischen Grenzen mit großer Verfeinerung geachtet wird. Überall beginnt das All. Durch die Löcher öffnet sich der Blick auf die Malerei, die Musik, die Zeichnung, die Animation. Verflechtung ist gleichzeitig Flucht: Musik komponieren, wenn die Gärten zu gefräßig werden; wenn die Knäuelzeichnungen zuviel Durchschlagkraft akkumulieren springt Zöllner kurz zur Seite, um ihnen im Computer mehr Raum zu geben. Alles führt zu mehr, das Knäuel ist überall, verbinden geht, relativieren geht nicht.
Julia Hübner, 2005