TEXTE / von Stefan Zöllner / " EROTOMANIACS "
"Erotomaniacs" entstand aus einer alten Vorliebe heraus: ich streune gerne ziellos durch unbekannte Stadtviertel, am liebsten nachts, und freue mich, wenn mir etwas Sonderbares begegnet. Rehe kann man gut jagen, wenn man ein Scheinwerferlicht auf sie richtet. Fischen funktioniert prima mit `ner Taschenlampe. Vom Mottenverhalten rede ich erst gar nicht. Jedenfalls stehe ich oft vor irgendwelchen illuminierten Schaufenstern und schaue mir versonnen z.B. eine verchromte Espressomaschine an oder lese die pietätvollen Texte eines Beerdigungsunternehmens. Die Verweil-Dauer hängt proportional mit meinem Bewusstseinszustand und der Ungewöhnlichkeit des Gesehenen zusammen.

"Erotomaniacs" ist also eine Schaufensterinstallation für nachts. Die meisten werden sie wohl tagsüber sehen, aber gemacht ist sie für die Passanten und Flaneure der Nacht.

Ein weiterer Aspekt ist: ich habe immer die DekorateurInnen beneidet, die mit zwei, drei Nägeln im Mund und in Strümpfen sich geschmeidig durch ein Gewusel aus Schaufensterpuppen, gefärbten Strohballen usw. winden. So was wollte ich unbedingt auch mal machen.

Die Zeichnung direkt über diesem Kasten ist gar keine, sondern eine Computergrafik. Die ganz oben hängende hingegen ist total analog mit Kugelschreiber seismografiert.

Die Teile im Fenster sind der Reihe nach (von links oben im Uhrzeigersinn) in Wirklichkeit: Ein Stuhlpolster mit Latten, Plexi, Schrauben und Silikon. Darauf ein zerteiltes Utensil eines Footballspielers mit Kautschuk und einer Art Bürste. Dann ein Plexistab mit Isolierband. Daran ein völlig funktionsfreies Keramikteil mit einem Fruchtfläschen. Dann eine Montage aus: zwei Schneckenschalen (nicht die Gehäuse, sondern so kleine Pfannen, woraus man die toten, gedünsteten und mit Knoblauchbutter überbackenen Schnecken isst), zwei Plastikteilen aus der professionellen Gastronomie (man macht Essbesteck rein), zwölf ausgebleichte Plastiktraubenfrüchte, zwei hochstrapazierfähige Silikonschläuche, darin Draht und Zugfedern, und zwei Plastikkrallen, das Ganze gehalten von einem Lederband. Darunter eine weitere funktionslose Keramik (oder kommen da Trockenblumengestecke rein? Der Flohmarktverkäufer wusste es auch nicht), die ich mit einem funktionsfreien Eisenteil (Kohlenzange?) einem Rubin und zwei Reiterknieschonern verbunden habe. Diese Aufzählung ist langweilig und besagt gar nichts? Gut, ich höre hier auf, denn in diesem Stil geht's weiter. Es sind alles Fundstücke vom Rheinhochwasser oder Plunder vom Flohmarkt. Eines Tages werde ich sie dort auseinandermontiert wieder feilbieten. Es sei denn, Sie kaufen sie hier. Ich muss allerdings hinzufügen, dass sie hier wesentlich teurer sind. Das hat mit dem Euro zu tun und mit dem Kunstmarkt.

FAQ: Warum ich diese Teile so und nicht anders im Raum anordne? Warum heißt das Ganze "Erotomaniacs"? Also, zur zweiten Frage kann ich vorbringen, dass die Installation z.B. auch "Beziehungskiste" hätte heißen können. Nur hätten dann alle gedacht, ich meine es nicht ernst. Die erste Frage ist schwieriger. Ich mach das so Pi mal Daumen, wenn ich dann später nachmesse, ergeben sich oft millimetergenaue Symmetrien, was ich sehr erfreulich finde.

Wenn Sie noch eine Frage haben, die in diesem FAQ nicht befriedigend beantwortet wurde, rufen Sie bitte folgende Servicenummer an: 110 oder, falls sich dort niemand meldet, 0190 und sexmal die 3.

Ansonsten muss ich sagen, dass es sich natürlich um Kunst handelt. Ich habe dieses Fach an einer renommierten staatlichen Akademie studiert und weiß somit Bescheid. Vertrauen Sie mir.

Stefan Zöllner, 2002

STEFAN ZÖLLNER

2002

Text zum Mitnehmen
ausgelegt zur Schaufenster-
ausstellung
" EROTOMANIACS "

Projektraum Triloff
Köln

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