TEXTE / von Stefan Zöllner / VENUSFLIEGENFALLE < (5 /6) >

Die Matrix

The Making of: "Venusfliegenfalle" -

" Heißer Sommertag, Langeweile. Barfuß über den Hof, Mauersegler-
geschrei, es riecht betäubend nach der Reinigung, die sich in einem Anbau im Erdgeschoss befindet. Die dicken Bügelerinnen, in weißen Schürzen und Sandalen, sehr sexy, hantieren bei offenen Fenstern mit ihren Plättma-
schinen herum. Der Hund Nina schnüffelt in trockenen Ecken der alten Ratte hinterher, die hier irgendwo wohnt. Ich trotte Richtung Kellertreppe. Die eiserne graue Tür lässt sich schwer öffnen und schiebt raschelnd einen Berg Laub zur Seite.

Im Keller ist es angenehm kühl und trocken. Dämmerlicht. Hier lagert fast der gesamte Besitz von Rudolf, dem Verflossenen von Ingrid, der Mutter von Birgit. Hauptsächlich Bücher. Ich kenne ihn nur aus Erzählungen, er muss ein exzentrischer Bürgerschreck mit langen grauen Haaren gewesen sein, sehr gebildet und eloquent, sehr neurotisch. „Ein zerrissener Mensch“, wie Ingrid das ausdrückt. Er hat meine volle Sympathie.

In den Büchern geht es z.B. um Seveso, und was da so passiert ist oder um die Sauereien, die F.J. Strauss sich geleistet hat. Irgendwann demnächst soll ich diesen Keller ausmisten. Sympathie hin oder her, wieso flieht der Typ und lässt sein gesamtes Hab und Gut in einem Keller verrotten und ruft nicht mehr an? Jedenfalls blättere ich ein bisschen in diesen Politbüchern herum, sortiere mir ein paar aus und beginne mich schon wieder zu langweilen. Ich fange an, in einem der hinteren Kellerräume in alten Regalen und Kisten herumzuwühlen. Dieses Zeug hier gehörte dem kürzlich verstorbenen Großvater.

Ein Metallgestell mit mehreren einlegbaren Platten erregt meine Aufmerk-
samkeit. Ich weiß nicht, was das ist und wozu es gut sein könnte. Aber ich bin gerade in dieser gewissen geistigen Verfassung, die sich genau darum nicht schert und Lust daraus schöpft, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Mit diesem geistigen Blick röntge ich jetzt diese Fundstücke und beginne mit ihnen zu spielen. Meine Hände tasten, fassen an, wiegen ab, begreifen. Ich sehe Zusammenhänge und Kombinationen aufblitzen, die Ideen kommen in schneller Folge und mir wird klar, dass meine Aufgabe darin besteht, mich an das zu erinnern, was ich gerade gesehen habe.“

" Soviel ist sicher: ich muss meine alte Punk-Lederjacke opfern. Sie hat genau das Leder, das ich für das 'Kofferradio' brauche. Genau die richtige Farbe. Mein Ziel: das benötigte Leder optimal raustrennen, so dass ich den Rest für weitere Objekte brauchen kann.“

" Alle müssen mir helfen: Birgit beim Einnähen des Brokatstoffes und beim Lederzuschnitt, ihre Schwester Sigrun beim Befestigen der Kupferdrähte, mein Vater beim Zusammenbau des Kastens.“

Stefan Zöllner, 1988

(Venusfliegenfalle ist die erste Skulptur, die ich je gemacht habe)